Ralfs einmaliger Frühling

eine ganz persönliche Erfahrung

Kurz zu meiner Person. Ich heisse Ralf Huber, bin 46 Jahre alt und seit 24 Jahren vollberuflich im Event-&Messebereich tätig. Im Jahr 2010 gründete ich die rhc event&management gmbh.

Gerne gebe ich euch einen kleinen, persönlichen Einblick in die letzten 3 Monate. Bitte verzeiht mir allfällige Rechtschreibefehler - ich bin Veranstalter und kein Journalist. Und vorab: Meine Sicht auf Covid-19 und die Massnahmen des Bundesrates sind persönlich und spiegeln weder die Sicht meiner Künstler, Sponsoren noch Partner.


Genau vor drei Monaten, es war der 9. März und uns stand eine intensive Woche mit 6 Events bevor. Diese Phase ist immer spannend, da man kurz vor dem finalen Abend steht und die über einjährige Vorarbeit mit einem unterhaltsamen Abend und natürlich mit Eintrittsgeld entschädigt wird. Zu diesem Zeitpunkt ist seit gut 2 Wochen Covid-19 ein mediales Thema, doch wir glauben wie das BAG nicht daran. Jedoch glauben die ersten Ticketkäufer an das Virus, was uns viele Anrufe und Mails beweisen.

Die ersten Shows von dieser Woche sind in Appenzell, Oberhofen und Uster und laufen einwandfrei. Covid-19 spüren wir vor Ort schwach bis gar nicht. 5 bis 8% der Gäste kommen trotz gekauften Tickets nicht an die Show und natürlich, die Abendkasse wird kaum genutzt und die wichtigen Vorverkäufe der letzten 7 Tage vor der Show fehlen. Wir hoffen, dass Covid-19 rasch vorbei ist.

Am Freitag, 13. März stehen die Shows von Martin O. in Küssnach a.R. und von Messer&Gabel in Bad Zurzach an. Ich selber bin am Aufbau in Bad Zurzach, während dem die Pressekonferenz des Bundesrates läuft. Noch während der Liveübertragung überschlägt sich die Situation. Shows mit mehr als 100 Gäste werden ab sofort verboten. Nun sind wir - nun bin auch ich vom Virus geschlagen.


Natürlich waren wir auf eine solche Situation vorbereitet, jedoch haben wir diese nicht erwartet. Die andere Show von Martin O. in Küssnacht a.R. können wir wenigstens durchführen, da die Gästezahl vorsorglich unter 100 Personen reduziert worden ist. Also Abbaustart in Bad Zurzach, die Künstler die auf dem Weg sind telefonisch wieder nach Hause schicken und bitten, noch 1-2 Videos für Social Media aufzunehmen. Techniker, alle Künstler, Lieferanten und Gastronomen sind jetzt auf Notmodus.

Wir alle hatten in den letzen Tagen sicher mit mehr als 1'000 Menschen engen Kontakt! Nun kommt ein Virus, welcher 50'000 bis 150'000 Todesopfer alleine in der Schweiz fordern soll - so verschiedene Quellen. Ich fürchte mich nun auch ein wenig vor dem Virus und dessen Folgen.


 Doch für die eigene Besorgnis bleibt wenig Zeit. Ein Telefon nach dem anderen. Alle Künstler auch jene die keinen Auftritt haben, suchen Rat. Parallel gilt zu definieren, was mit der Show vom 14. März in Frauenfeld von Martin O. zu machen ist. Die über 350 Gäste sind definitiv zu viel. Sollen wir 2-3 Shows mit unter 100 Besuchern machen? Reicht die Zeit um die Gäste entsprechend zu informieren? Die Zeit auf dem Rückweg von Bad Zurzach ins Büro nutzen wir für die Organisation der dringenden Massnahmen. Wir entscheiden uns auch, die morgige Show zu verschieben.


Im Büro erfolgen dann die Informationen der Show-Verschiebungen über alle Social Media-Kanäle, die verschiedenen Webseiten und Newsletter. Gespräche mit betroffenen Lieferanten, Sälen und Gastronomen inklusive. Dann folgt noch ein Telefon. Einer unserer Partner, welcher am Donnerstag mit dabei war, vermutet dass er Covid-19 hat und er lässt sich testen. Nehme es zur Kenntnis und beende einen intensiven Tag und Arbeitswoche.

Was nach diesem Freitag, der 13. März 2020 war, ist: Schock.

 

Der Partner hat das Ergebnis seines Tests - er ist positiv, und das mit 65 Jahren. Also auch am Sonntagvormittag alle möglichen Betroffenen informieren, da sie mit ihm auch Kontakt hatten. Ein Künstler entscheidet sich auch für den Covid-Test, welcher 2 Tage später negativ ausfiel. Somit Entwarnung für mich und die anderen.  Ansonsten nutzten wir die ersten Arbeitstage für die Klärung aller Ersatztermine und deren Kommunikation.

Gespannt verfolgen wir die Pressekonferenzen des Bundesrates, auch wenn diese für uns Veranstalter keine Aussagen und Antworten bringen. Und ich beobachte mich und mein Umfeld - keine Anzeichen von Grippe-Erkrankungen.

Die ersten Gedanken über den entstandenen Schaden können wir noch gut verdrängen. Wir sind auch abgelenkt. Unsere Künstler sind verunsichert, aber wir vom Management für sie da. 

Unser Alltag verändert sich jedoch komplett. Kaum Telefone, Distanz-Gebote, keine Meetings. Dafür wird zu Hause geschliffen und gehobelt - eine gute Ablenkung.

Eine Woche darauf folgt das Ansammlungsverbot für mehr als 5 Personen. Die Lage spitzt sich zu. Der positiv getestete Partner ist nach wie vor im Hausarrest, wenig Fieber und sonst quicklebendig.

Karfreitag, Ostern und davor und dazwischen - bestes Wetter. Der Schock sitzt tief, Tage vergehen wie im Flug - draussen statt im Büro. 
Anfangs April wird klar, Kurzarbeit kann beantragt werden. Der massive Schaden bleibt. Gut 50% des Jahresumsatzes machen wir sonst im März und April. Brauchen wir auch - die Werbung der letzten 12 Monate für die abgesagten Events ist bezahlt nun aber nichtig.


Nebst den verschiedenen Anträgen an diverse Ämter erledigen wir die pendenten Webseiten und optimieren die bestehenden. Die Rechnungen der wenigen Shows von anfangs März sind auch da. Der positiv getestete Partner widmet sich nun auch dem Sport und ist aktiv.

Wir entscheiden uns, keinen Überbrückungskredit aufzunehmen und uns unnötig zu verschulden. Ich bin mir sicher, dass der Lockdown rasch vorbei ist, da die prognostizierten Zahlen bei Weitem nicht erreicht worden sind. Und ich bin mir sicher, dass sich ein Virus auch mit möglichst grosser Distanz nicht aufhalten lassen wird. Die Einkaufswägeli beim Grossisten sind auf jeden Fall klebrig wie immer.

Am 16. April beschliesst der Bundesrat die Öffnung für Coiffeure, Baumärkte und Gartencenter. Nun ist auch klar - das Virus ist für eine kleine Risikogruppe gefährlich - für alle anderen nicht. Das gibt uns Mut!

Die entscheidende Pressekonferenz hat der Bundesrat auf den 26. April angesagt. Ich freue mich drauf und die entsprechenden Lockerungen.
Schlussendlich stehen mit der Rock&Blues Night Gossau sowie dem Postplatz Festival Appenzell zwei Events mit mehr als 1'000 Gästen im Juli an. 

Doch wir und alle Lieferanten werden schwer enttäuscht. Grossveranstaltungen bleiben bis mindestens Ende August verboten. Was mit den Events unter 1'000 Personen ist, wird nicht beantwortet. Wir werden auf den 27. Mai - um einen weiteren Monat - vertröstet. Hart - auch alle Kurven flachen massiv ab.

Anfangs Mai wird es klar - ohne Überbrückungskredit können wir die fehlenden Einnahmen aus einem Jahr Vorarbeit und den für die weiteren Shows im Herbst benötigten Marketingmassnahmen, nicht durchstehen. Wenn alles so einfach wäre: Antrag ausfüllen, unterzeichnen, scannen, einreichen. Stunden später - Gutschrift da.

Schön ist das Wetter gut. Doch wie machen wir weiter? Die Künstler werden langsam nervös. Tage später vermelden die Künstler, dass die erste Kurzarbeitsentschädigung eingetroffen ist. Kurz darauf auch bei uns. Nun ja - für den Lohn der Mitarbeiter und die Telefonrechnung reicht es. Für den Rest haben wir ja noch ein paar Franken.

Immer wieder studiere ich, wie ich unser Geschäftsmodell optimieren kann. Rund ein Jahr Vorarbeit für Events, welche nicht stattfinden, sind auch keine Lösung. Die einzige Alternative ist, andere Projekte/Aufgaben zu übernehmen. So bauen wir weiter Webseiten und hoffen auf den 26. Mai. Die Infektionsrate ist auf jeden Fall nachträglich massiv nach unten korrigiert worden und die Zahlen der täglich Neuinfiszierten sind teils auf unter 20 Personen gesunken. Das gibt wieder Hoffnung!

Noch vor dem 26. Mai müssen wir den Beschluss fassen, dass die Rock&Blues Night Gossau wie auch das Postplatz Festival Appenzell nicht durchgeführt werden können. Auch wenn uns Ende Mai grünes Licht erteilt werden würde, fehlen uns schlichtweg viele kleine Sponsoren und Ticketverkäufe - die Krise schlägt täglich weiter um sich.

Die Pressekonferenz vom 26. Mai war für mich persönlich die grösste Enttäuschung nach gut 10 Wochen Ausnahmezustand. Auch wenn ab dem 6. Juni wieder Veranstaltungen bis 300 Personen erlaubt werden, bleiben die Distanz- und Hygienevorschriften.

Und am 6. Juni folgt ein weiterer Tiefschlag. Die Olma Messen sagen die Olma 2020 ab. Was wir mit der alp7 machen, muss in den kommenden Tagen entschieden werden. Sponsoren und Lieferanten sind auch zunehmend verunsichert.

Heute, am 9. Juni 2020 wissen wir, dass im Bereich der Comedy-Anlässe die Veranstaltungen wirtschaftlich nicht durchführbar sind.

Das Durchschnittsalter unserer Gäste beträgt gut 46 Jahre und hier ist nach wie vor viel Angst und Unsicherheit vorhanden. Die ersten Shows vom 6. Juni zeigten uns eine 50%-Auslastung.

Was wir heute über das Virus wissen, ist deutlich mehr.

 

Bei einer frühere Messe haben wir von der UNI St. Gallen eine Analyse über deren Wertschöpfung gemacht. Eine Messe, eine Veranstaltung oder ein Event bringen zwischen dem 15 bis 20-fachen des Umsatzes an Wertschöpfung. Nehme ich diese Zahlen sehe ich heute, dass alleine unser kleines KMU in diesen Wochen bis zu 10 Millionen an Wertschöpfung verloren hat.

Ergänzend kommt dazu, dass wir seit anfangs März keine Tickets für die kommenden zwei Jahre verkaufen und unsere Künstler keine Anfragen mehr erhalten.

Länger je mehr bin ich überzeugt, dass die Schweiz den grössten Fehler der Geschichte gemacht hat. Nein ich meine nicht den Lockdown, sondern dessen Beibehaltung nach Mitte April wo die Kurve schon sehr tief war. Nach den massiven Demonstrationen in der Schweiz und weltweit vom letzten Wochenende, müssten die Zahlen hochrasen. Ist es doch einfach eine Grippe wie jedes Jahr?

Fazit: Ich bin weder Arzt noch Epidemiologe, ich bin weder Links noch Rechts, ich bin jedoch verantwortlich für ein kleines KMU, für verschiedene Künstler und auch für den Schaden, welcher uns entstanden ist. 

Danke fürs lesen - mir hat es gut getan! Ich kämpfe weiter!

Und danke für das Verständins.